Diakonie Magazin 2022/Nr. 1 herunterladen

»Am liebsten würde ich ganz selbstständig für mich sorgen und keine Last für andere sein«, sagt der junge Mann. »Mohammed ist ein Musterbeispiel«, betont Sozialpädagogin Alexandra Bendrich, »eine Duldung, wie sie derzeit besteht, ist für niemanden gut.«

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Wechsel in der Diakonie Anna Thiel

Umbau der Leitungsstruktur

Im Dezember wurde Sabine Hornung, Leiterin der Bezirksstelle und Bereichsleiterin der Sozialen Dienste der Diakonie Erlangen in den Ruhestand verabschiedet. Im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Haus der Kirche KREUZ+QUER dankten Vorstände und Mitarbeitende der 63-Jährigen für ihr langjähriges, prägendes Wirken in der Diakonie.

»Der positive Beitrag, den Frau Hornung zur Entwicklung der Diakonie in Erlangen geleistet hat, kann nicht hoch genug geschätzt werden«, betonte Vorstand Pfarrer Matthias Ewelt, »dazu gehört auch, dass sie entscheidend beim Zusammenwachsen mit der Stadtmission Nürnberg mitgewirkt hat«.

Ab sofort wird Elke Bollmann als übergreifende Einrichtungsleitung die Sozialen Dienste der Diakonie Erlangen, zu denen auch die Tafelgehört, führen. Gleichzeitig werden die Sozialen Dienste in Erlangen noch stärker im Unternehmensverbund von Stadtmission Nürnberg und Diakonie Erlangen aufgehen.

Erlanger KASA (Sozialberatung), diakonische Wohnungslosenhilfe, Bahnhofsmission, Tafel und Integrationsberatung sind dann Teil des großen Fachbereiches »Beratungsdienste & Gefährdetenhilfe« für die Region Nürnberg-Erlangen. Dieser wird von Gabi Koszanowski geleitet.

Elke Bollmann, die übergreifende Leitung der Diakonie Erlangen erhält einen Blumenstock.

ELKE BOLLMANN

bekannt als Leitung der Tafel Erlangen, übernimmt die Verantwortung für weitere Einrichtungen und besetzt den neuen Posten Diakonie im Dekanat.

Sabine Hornung erhält ihr Abschiedgeschenk von ihrer Nachfolgerin Elke Bollmann.

SABINE HORNUNG

Nach 20 Dienstjahren in der Diakonie verabschiedet sich Sabine Hornung in den Ruhestand.

Einfluss in Kirche und Politik

Die scheidende Sabine Hornung arbeitete nach ihrem Studium zunächst als Pflegerin in einem Altenheim, ehe sie für zehn Jahre die Beschäftigungstherapie leitete. Später baute sie die Tagespflege Maria-Busch-Haus auf und wurde deren Einrichtungsleiterin. Die Tagespflege gehört heute ebenfalls zur Diakonie Erlangen.
Seit 2011 führte Sabine Hornung die Diakonie-Bezirksstelle und den Bereich Soziale Dienste in Erlangen. In dieser Funktion arbeitete sie eng mit den Kirchengemeinden zusammen und wirkte in verschiedenen sozialpolitischen Gremien der Stadt mit. »In Erlangen hat auch die Politik ein Interesse an uns«, sagt Hornung dankbar.

Herausforderungen stehen bevor

Dass das so bleibt, hofft auch Elke Bollmann, die viele von Hornungs Aufgaben übernimmt. »Die Finanzierung sozialer Angebote wird in Zukunft eine große Herausforderung«, prognostiziert die 57-Jährige. Denn von der bayerischen Landeskirche werde es wohl weniger Zuschüsse für die diakonische Arbeit geben. »Wir müssen also schauen, wie wir diese Mittel ersetzen.« Erlangen sei zwar eine reiche Stadt, das garantiere aber nicht, dass die voraussichtliche Lücke automatisch ausgeglichen werde.

Diakonie im Dekanat

Mit dem Personalwechsel neu geschaffen wurde in Erlangen die Stabsstelle »Diakonie im Dekanat«, die nun ebenfalls durch Elke Bollmann besetzt ist. »Ich möchte die Stärken der Diakonie nach außen tragen«, betont sie, »denn wir haben einen wichtigen Platz in der Gesellschaft – uns braucht’s«. Ihr Glaube bestärke sie in ihrem Engagement. »Gerade in diesen Zeiten, in denen sich ein gesellschaftlicher Wandel einstellt, ist diakonisches Handeln gefragt.«

 


MIT HUMOR UND EMPATHIE Sabine Weißenborn

Frau Hornung, Sie kennen die Diakonie Erlangen seit über drei Jahrzehnten und waren in ganz unterschiedlichen Positionen tätig – was hat Sie in der Zeit am meisten beeindruckt, was bleibt Ihnen in Erinnerung?
Hornung Ich erinnere mich gerne an die Zeit in der Tagespflege für Senioren*innen. Ich sehe noch die eindrucksvollen Bilder, wie Senioren*innen innerhalb kurzer Zeit in der Tagespflege wieder aufgeblüht sind. Die Beschäftigung in Gemeinschaft hat viele längst verlernte Fähigkeiten wieder hervorgezaubert.

Ich denke auch an 2015, als viele Flüchtlinge und Asylbewerber*innen kamen. Wenn man bedenkt, in welchen Lebenslagen die Familien, Jugendlichen und Kinder waren, was ihnen alles passiert ist, da bekommst du richtig Gänsehaut. Da verwundert es auch nicht, wenn sie seelisch angeschlagen sind und Hilfe brauchen. Wie behütet und aufgehoben sind wir dagegen aufgewachsen.

Sabine Hornung sitzt an ihrem Schreibtisch mit einem Stift in der Hand.

Sabine Hornung

 freut sich auf ihren neuen Lebensabschnitt, den sie mit Mann, Hund und lang ersehnten Reisen verbringen will.

Aber am meisten beeindruckt hat mich der erste Corona-Lockdown. Alles hatte geschlossen – nur wir, alsodie Tafel und die Bahnhofsmission, waren offen. Älteren  Ehrenamtlichen hatten wir angeboten daheimzubleiben, aber viele bestanden darauf mitzuhelfen. Und als es nur noch leere Regale im Einzelhandel gab und wir einen Hilfsaufruf über die Medien starten mussten, klingelte das Telefon nonstop, ständig kamen Leute vorbei: Händler*innen und Privatpersonen haben tüten- und kistenweise Waren abgeliefert, Gastronomen ihre Lager und Kühlräume leergeräumt. Das vergesse ich nie, denn für unsere Bedürftigen hatten wir plötzlich lauter Lebensmittel, die wir sonst niemals anbieten können.

Einige Gastronomen haben auch fürdie Bahnhofsmission gekocht und Essen verteilt. Tafel und Bahnhofsmission waren sozusagen unsere Leuchttürme. Da wurde schon deutlich, wieviel Anteil die Erlanger Bevölkerung nimmt und uns helfen will – das hat richtig Eindruck hinterlassen.

Sie haben viele verschiedene Menschen und Schicksalsschläge miterlebt – welche Voraussetzungen muss Ihre Nachfolgerin mitbringen?
Hornung Vor allem muss sie gerne kommunizieren, Menschen zugewandt sein und Interesse an der Person und ihrem Leben haben. Diese Nähe zu Mitarbeitenden und Team ist wichtig. Meine Tür stand immer offen, da kommt so viel zurück. Es ist wie eine große Familie und das habe ich auch immer sehr geschätzt.

Wie sehen Sie die sozialpolitische Entwicklung in Erlangen?
Hornung Die soziale Schere wird noch weiter auseinandergehen. Aber die finanziellen Mittel bei Kommunen, Landkreisen und Bezirken werden weniger und im Gegenzug wird die Zahl der Bedürftigen weiter ansteigen. Was ich in letzter Zeit öfter wahrgenommen habe: Derzeit wächst eine ganz neue Form von Armut. Viele Frauen/Witwen auf dem Land haben zwar Häuser, aber kein Geld mehr, um sie zu renovieren oder etwa eine neue Heizung einzubauen. Die sitzen in ihren eiskalten Buden. Und das Schlimme ist, sie könnten nicht mal umziehen. Das Geld, dass sie heute für ihr Häuschen kriegen, reicht in Erlangen nicht mal für eine Eigentumswohnung. Und wer vermietet beispielsweise einer 80-jährigen Frau mit einem Rentenbescheid von 500,- Euro eine Wohnung? Diese Entwicklung sehe ich mit großer Sorge. Dazu die ungerechte Bezahlung von Arbeit. Mindestlohn hin oder her, aber selbst zwölf Euro sind nicht viel.

Sie hören mit gerade mal 63 Jahren auf und verbessern ihre persönliche Work-Life-Balance. Was wünschen Sie sich für Ihre Nachfolgerin?
Hornung Eine gehörige Portion Gelassenheit und Humor! Man muss auch mal über sich selbst lachen können. In schwierigen Situationen ist Lachen manchmal das Mittel der Wahl. Wenn’s mal schwere Gespräche gab mit Mitarbeitenden, Kunden*innen und Klienten*innen – Humor hat immer ein bisschen geholfen, und Fairness. Mein Motto lautete schon immer: Jeder ist wichtig und wertvoll! Jeder Mensch hat seinen Platz in der Gesellschaft, die eine ist Fahrerin, der andere Reinigungskraft und wieder eine andere ist halt Chef. Aber: Jede und jeder ist wichtig und wertvoll.

 


GESETZE BREMSEN INTEGRATION ANNA THIEL

Im Herbst meldete die Bundesagentur für Arbeit, die Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsstellen hätten weiter zugenommen. 63.000 Ausbildungsstellen wurden 2021 in Deutschland nicht besetzt – allein in Bayern sind es über 15.000. Geflüchtete haben es bei der Suche besonders schwer: Nur etwa ein Drittel der Bewerber*innen mit Fluchtbiografie haben tatsächlich eine Ausbildung begonnen.
Wie schwierig es für geflüchtete Menschen ist, auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, weiß auch Alexandra Bendrich von der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Diakonie Erlangen. »Es ist unser Ziel, dass sie ihr Leben hier selbstständig meistern, aber es werden ihnen viele Steine in den Weg gelegt.« Arbeitgeber*innen bräuchten zum Beispiel mehr Sicherheit, wenn sie Menschen ohne festen Aufenthalt eine Chance geben. Das Problem seien oft nicht die Betriebe, sondern Gesetze, die die Integration ausbremsen. Verbesserungen erhofft sich die Sozialpädagogin von der neuen Regierung.

Mohammed in heller Hose und Blazer steht mit verschränkten Armen im Park.

Mohammed

ist einen motivierter junger Mann. Er möchte anderen nicht auf der Tasche liegen, sondern selbstständig für sich sorgen.

Rechte und Möglichkeiten sind eingeschränkt

Ein gutes Beispiel ist Mohammed. Schon von Anfang an hatte es der heute 27-Jährige in Deutschland schwer, sowie viele Geflüchtete aus seinem Herkunftsland. Als er 2016 nach Deutschland kam, war die erste Hürde, dass er als Äthiopier kein Recht auf einen Integrationskurs hatte. Aber Mohammed war motiviert und wollte sich umso mehr reinhängen, denn in seiner Heimat herrschen Unruhen und Gewalt; eine Lebensperspektive erkennt er dort nicht mehr, die Hoffnung auf eine gute und sichere Zukunft in Äthiopien, gemeinsam mit seiner Frau hat er verloren.

Immer wieder die gleichen Herausforderungen

Bendrich und Ehrenamtliche des Vereins »Hand in Hand« aus Baiersdorf helfen dem jungen Mann, so gut sie können. Der erste Erfolg war ein Platz in der Berufsintegrationsklasse in Herzogenaurach, den sie ihm vermitteln konnten. Sie kauften ein Sprachbuch zum Lernen, teilten sich die Gebühren für seine anstehende B1-Prüfung, konnten mit ihm gemeinsam einen Praktikums- und dann sogar einen Ausbildungsplatz finden. Denn nach wie vor sind Betriebe in Erlangen und im Landkreis offen, Geflüchtete in die Lehre zu nehmen – nicht zuletzt, weil sie immer wieder gute Erfahrungen mit ihnen machen und dringend ihre Arbeitskraft brauchen. »Hochbaufacharbeiter« wollte Mohammed sich nach drei Lehrjahren nennen können und bemühte sich nach Kräften. Die praktische Prüfung meisterte er mit links. Aber die fremde Sprache fällt ihm nach wie vor schwer, sodass er durch die theoretische Prüfung rasselte, dreimal in Folge. Erst schien es, als sei die Mühe dennoch nicht umsonst gewesen: »Mein Chef wollte mich weiter beschäftigen und hat mir einen Vertrag zum Hilfsarbeiter angeboten.« Natürlich hätte der 27-Jährige diesen gerne angenommen. Ein Gericht erteilte aufgrund der missglückten Prüfung aber nur eine Duldung – eine »Aussetzung der Abschiebung«. Eine der Folgen war, dass Mohammed nicht mehr arbeiten darf. Sozialpädagogin Alexandra Bendrich betont: »Er wird zur Abhängigkeit gezwungen.«

Alexandra Bendrich und Mohammed stehen auf einem Weg im Grünen.

ALEXANDRA BENDRICH (l.)

ist Integrationsberaterin bei der Diakonie und unterstützt Mohammed.

Eine Chance für alle Seiten

Der junge Mann will aber nicht abhängig von staatlicher Unterstützung und noch dazu untätig sein. »Am liebsten würde ich ganz selbstständig für mich sorgen und keine Last für andere sein«, sagt er. »Mohammed ist ein Musterbeispiel«, betont auch Bendrich, »eine Duldung, wie sie derzeit besteht, ist für niemanden gut.« Gerade in Handwerksbetrieben fehlen Arbeitskräfte und Stellen bleiben unbesetzt. Das, was Mohammed gelernt hat, gilt als »Mangelberuf« und wird landesweit gesucht. Er wird am Bau dringend benötigt. Um ihn doch noch in den Job zu bringen, läuft nun ein Härtefallantrag. Im Herbst hat er die Deutschprüfung abgelegt, die für eine richtige Aufenthaltserlaubnis unerlässlich ist. »Wir haben hier einen motivierten jungen Mann, der anpacken kann und will – das ist nicht nur für ihn eine Chance, sondern auch für unser Land.«

Hoffnung in die Ampel

Hoffnung setzt Alexandra Bendrich auch in die neue Bundesregierung: »Der Koalitionsvertrag verspricht einige Neuerungen, die wir aus unserer fachlichen und menschlichen Erfahrung nur befürworten können.« So zum Beispiel das Vorhaben, dass Geduldete in Ausbildung eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, um sowohl den Lehrlingen als auch den Betrieben mehr Sicherheit zu geben. Aber auch, dass jede/r Geflüchtete*r von Anfang an einen Integrationskurs besuchen kann. »Das wäre eine riesige Hilfe, weil gerade die Sprache ja eine Grundvoraussetzung für fast alles im Leben ist«, so Bendrich. Sei es ein Arztbesuch, ein Gespräch mit Nachbarn*innen oder die Suche nach einem Job. Fast genauso wichtig sei es, Arbeitsverbote ganz abzuschaffen. Denn am Arbeitsplatz passiere Integration praktisch von ganz alleine. »Und eigenes Geld zu verdienen ermöglicht erst echte Teilhabe.« Das, was Asylsuchenden gesetzlich an monatlichen Sozialleistungen zusteht, deckt nicht einmal das ab, was als Existenzminimum definiert und als »Hartz IV« bekannt ist.

Besonders häufig und besonders gravierend ist aus Bendrichs Sicht der Status einer Duldung, welcher nicht selten über lange Zeiträume immer wieder verlängert werde. »Da kommt man normalerweise nicht mehr so leicht raus«. Darum begrüßt die Sozialpädagogin das neue »Chancen-Aufenthaltsrecht«, welches an die Stelle von »Kettenduldungen« treten soll: Personen, die zum Stichtag am 1. Januar 2022 bereits seit fünf Jahren in Deutschland leben, sollen laut Koalitionsvertrag eine einjährige Aufenthaltserlaubnis auf Probe erhalten können. In dieser Zeit müssen sie die Voraussetzungen für ein Bleiberecht erfüllen, z.B. die Sicherung des Lebensunterhalts und den Identitätsnachweis. In bestimmten Ländern, wie Eritrea und Somalia, sei es erfahrungsgemäß aber enorm schwierig, an offizielle Papiere zu kommen, um die eigene Identität nachzuweisen, erklärt Bendrich. Darum befürwortet sie auch das Vorhaben der Regierung, eine Versicherung an Eides statt abgeben zu können, wenn eine Identitätsklärung anders nicht möglich ist. »Die geplanten Änderungen müssen jetzt rechtlich schleunigst umgesetzt werden«, fordert Alexandra Bendrich, »damit sich endlich konkret etwas an der Situation der Menschen verbessert«. Sie betont auch: »Deutschland ist auf sie angewiesen.« Denn alleine der Bedarf an Arbeitskräften in der Pflege und im Handwerk könne nicht mehr ohne Migration gedeckt werden.

 Zur Flüchtlings- und Integrationsberatung

 


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