Diakonie Magazin 2020/Nr. 3 herunterladen

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Mehrere Stufen trennen die Wohnebene vom Garten. Dennoch möchten beide bleiben: »Wir haben das Haus ja selbst gebaut«, erzählt Karl Scharf, 95, stolz, »ich möchte ungern fort«.

Er bereitet das Frühstück vor, während der Pflegedienst seiner Frau Ottilie Scharf aus dem Bett hilft, sie pflegt und umzieht.

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DIE FAMILIE AM ERLANGER BAHNGLEIS Daniel Schneider

Der Himmel ist wolkenlos blau an diesem Augusttag und die Sonne scheint grell auf das Bahnhofsgelände herunter. Die Temperaturen sollen heute noch auf 33° C klettern, den Spitzenwert der Woche. Doch in den Räumen der Bahnhofsmission herrscht eine angenehme Kühle – wie eine erfrischende Oase in diesen Zeiten. Doch auch hier ist Corona nicht folgenlos vorübergegangen. Es gab strukturelle Änderungen, die den gewohnten Tagesablauf der ehrenamtlich Mitarbeitenden sowie der Besucher*innen umgekrempelt haben. Ein Gespräch mit Dieter Schweickert und Alfred.

DIETER SCHWEICKERT

»Unsere Besucher nehmen das Abstandhalten und Maskentragen mit viel Humor«, erzählt der Ehrenamtliche.

Dieter Schweickert gehört wegen seines Alters zur sogenannten »Risikogruppe« und war deswegen von Mitte März bis Juni nicht in der Bahnhofsmission. Normalerweise hätte er in den Räumen am Gleis 1 belegte Brötchen ausgegeben, aber so war er als ehrenamtlicher Springer freigestellt und verbrachte seine Zeit zu Hause. Statt ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Besucher*innen zu haben, renovierte und strich er nun das Haus und räumte auf.

»Die gemeinsame Zeit mit den Kolleginnen habe ich schon vermisst«, verrät der Rentner. Da er zuvor immer an unterschiedlichen Tagen Dienst hatte, traf er mit verschiedenen Ehrenamtlichen zusammen. »Die Heterogenität der Gruppe habe ich immer als sehr bereichernd empfunden «, sagt er. Auch die gemeinsamen Team-Sitzungen seien der Epidemie zum Opfer gefallen. Da hätte man nämlich auch die Personen getroffen, mit denen man aufgrund des unterschiedlichen Schichtsystems sonst keinerlei Kontakt hätte. Aber wenigstens für den einmal im Jahr stattfindenden Ausflug der Mitarbeitenden hegt er Hoffnung. Man müsse die sozialen Umstände eben anpassen.

Seit seiner unfreiwilligen Ehrenamtspause habe sich auch viel im Ablauf vor Ort geändert. Der Raum, in dem sonst Tische und Stühle zum geselligen Beieinander standen, ist nun fast komplett leergeräumt, nur auf ein paar Stühlen an den Wänden stehen einige Kartons mit Backwaren. Eine Plexiglasscheibe trennt den früheren Besucherraum nach außen ab. Nun müssen Besucher*innen ihre Brotzeit einzeln im Eingangsbereich abholen, um die Hygienevorschriften zu gewährleisten. Vergleicht man dies mit gemeinsamen Aktivitäten wie dem Weihnachtsessen, bei dem man zusammensaß, Lieder sang und sich unterhielt, ist viel soziales Miteinander verloren gegangen. Auch der Mundschutz habe das Gespräch miteinander verändert, findet Schweickert. Das Logo der Bahnhofsmission sei zwar toll, die Mimik jedoch deutlich eingeschränkt. »Die soziale Kommunikation ist nicht mehr so wie vorher«, meint er. Die Besucher*innen gingen jedoch auch trotz der Einschränkungen oft mit viel Humor mit der Situation um. Trotz Mindestabstand und Mundschutz ergäben sich immer noch Gespräche, in denen man etwas aus der Lebensgeschichte des Gegenübers erfahren könne. Ein »Zuhause« seien die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission aufgrund der erforderlichen Regelungen zwar nicht so wie zuvor, jedoch immer noch ein Ort des sozialen Austausches, fasst Schweickert zusammen.

ALFRED

Der Frührentner unternimmt lange Spaziergänge, um die sonst in der Bahnhofsmission verbrachte Zeit zu überbrücken.

Für Alfred ist die Bahnhofsmission wie zu einer Familie geworden. Seit über 20 Jahren kommt der Frührentner hierher. Für ihn ist es ein sozialer Treffpunkt, an dem man sich mit Gleichgesinnten austauschen und auch gut und gerne anderthalb Stunden beieinandersitzen und sich unterhalten kann. Sowohl für die Gespräche als auch das kostengünstige Gebäck sei er sehr dankbar. Zu normalen Zeiten habe dieses soziale Miteinander in der Bahnhofsmission das Leben vieler Leute strukturiert, ist sich der 65-Jährige sicher. »Die Gespräche, das Brötchen – das sind lauter Kleinigkeiten, für die man dankbar ist«, sieht er es rückblickend.

Er selbst habe seine eigene Tagesstruktur den Umständen angepasst, erzählt Alfred. So unternehme er ausgedehnte Spaziergänge oder mache etwas in der eigenen Wohnung, um die Zeit zu überbrücken, die er sonst hier in der Bahnhofsmission verbracht hätte. Aber obwohl er auch Anlaufstellen bei verschiedenen Freunden hätte, fehle ihm die Gemeinschaft am Bahngleis. Sich selbst sieht er als einen Einzelgänger, der nur mit ein paar guten Freunden tief verbunden ist. »Jemand, den ich schon seit 30 Jahren kenne und auch nachts um vier Uhr um Hilfe bitten kann«, erklärt er. Aber die Kumpels und die Gespräche in der Wärmestube am Bahnhof seien auch etwas Wichtiges.

Zur Bahnhofsmission


PFLEGE IM EIGENEN HEIM Anna Thiel

»60 Jahre lang hat sie alles gemacht«, sagt Karl Scharf über seine Ehefrau, »jetzt muss ich halt ran«. Der 95-Jährige lebt zusammen mit seiner Frau Ottilie in Erlangen-Büchenbach. Ottilie Scharf, 92, bekommt zweimal am Tag Hilfe vom Ambulanten Pflegedienst der Diakonie Erlangen.

Seit 65 Jahren sind beide verheiratet. Karl Scharf war früher Müllermeister, Ottilie Scharf Krankenschwester. Die beiden haben sich beim Tanzen in der Jahnturnhalle kennengelernt und zusammen zwei Kinder großgezogen. Jetzt, viele Jahre später, ist es ruhig geworden in der Wohnung. Letztes Jahr hat das Ehepaar noch Zeit im Freien verbracht, aber inzwischen kann Ottilie Scharf auch mit Rollator nur noch schwer gehen.

OTTILIE UND KARL SCHARF

Ottilie und Karl Scharf sind froh, trotz ihres hohen Alters noch zuhause leben zu können. Unterstützung bekommen sie von der Diakonie Erlangen.

Mehrere Stufen trennen die Wohnebene vom Garten. Dennoch möchten beide bleiben: »Wir haben das Haus ja selbst gebaut«, erzählt Karl Scharf stolz, »ich möchte ungern fort«. Inzwischen wohnt oben eine Familie mit Kindern, das sieht man schon von weitem: Ein Trampolin und bunte Spielgeräte beleben das Grundstück im alten Kern des Ortes. Ottilie Scharf hat inzwischen Pflegegrad 5. Schubweise geht es ihr mal besser und mal schlechter. Ihr Ehemann erweist sich als guter Hausmann und kümmert sich rührend um sie – so oder so. Er bereitet das Frühstück vor, während der Pflegedienst ihr aus dem Bett hilft, sie pflegt und umzieht. Lange hat er das noch gekonnt, aber jetzt ist Karl Scharf bei der Pflege seiner Frau auf die Unterstützung der Fachkräfte angewiesen und dankbar für ihre Hilfe.

Trotz seines hohen Alters kocht er jeden Mittag für sich und seine Frau. Auch ein Grund, warum er zuhause bleiben möchte, so lange es geht: Hier könne er selber kochen und essen, worauf er Lust hat – das würde ihm sonst fehlen. »Wenn Ottilie mittags schläft kann ich mal schnell raus und einkaufen«, erklärt er. Bis vor wenigen Jahren hat das Ehepaar sein eigenes Brot gebacken, nach einem alten Rezept Ottilie Scharfs rumänischer Mutter. Aber es geht eben nicht mehr alles. Abends ist es der Pflegedienst, der die 92-Jährige wieder ins Bett bringt. Einer der beiden Söhne wohnt auch im Ort und kommt regelmäßig vorbei. »Auch mit den Söhnen sind wir öfters im Kontakt«, so Irina Fischer, Leitung der Diakoniestation West, »zum Beispiel um abzusprechen, ob etwas verändert werden soll, man uns mehr oder weniger braucht«. Sie kennt das Ehepaar Scharf, seit sie selbst vor fünf Jahren zum Pflegedienst des Stadtteils kam.

IRINA FISCHER

Irina Fischer leitet die Diakoniestation West und pflegt auch Ottilie Scharf.

Die Diakonie AKTIV hilft Menschen, ihr Leben zuhause selbstständig zu führen – mit Herz und viel Erfahrung.

Um ihnen den Weg an die frische Luft und in den eigenen Garten zu erleichtern, möchte sie prüfen, ob die Pflegeversicherung sich an den Kosten für eine Rampe am Eingang beteiligt. Auch bei solchen Anträgen helfen sie und ihre Mitarbeitenden den pflegebedürftigen Personen und ihren Angehörigen. »Wir wollen, dass sie zuhause sicher und geborgen sind«, so Fischer, »so lange sie es wollen und können«. Ohne die Hilfe des Ambulanten Pflegedienstes könnte er nicht mehr schlafen, ist sich zumindest Karl Scharf sicher, das wäre zu viel. Wie es für das Ehepaar weitergeht, dazu möchte sich der 95-Jährige nicht festlegen: »Ich lasse alles auf mich zukommen.«

 Zum Ambulanten Pflegedienst


Kontakt

Anna Thiel Pressesprecherin, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Raumerstraße 9
91054 Erlangen

(0911) 35 05 – 129

anna.thiel@diakonie-erlangen.de

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