Diakonie Magazin 2021/Nr. 2 herunterladen

Eine junge Frau mit Tafel-Schürze greift nach einer Kiste Eine junge Frau mit Tafel-Schürze greift nach einer Kiste

»Wenn wir soziale Menschen sind, müssen wir auch einsehen, dass all unser Tun Folgen für andere hat. Das ist grundsätzlich im Menschsein drin, als soziales Wesen habe ich immer die Pflicht, darüber nachzudenken, was mein Handeln bei anderen auslöst.«

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LEBENSQUALITÄT HAT KEINE ALTERSGRENZE Anna Thiel

Rund 370 Menschen leben derzeit in Erlangen in einer städtischen Verfügungswohnung. Im Rahmen eines Projektes arbeiten zwei Sozialpädagoginnen der Diakonie Erlangen daran, die Lebens- und Wohnsituation älterer Bewohner*innen zu verbessern. Wieder eine Arbeit zu finden, ist in vielen Fällen aussichtslos. Die Bedarfe liegen anderswo: Die Mitarbeitenden unterstützen ihre Klienten*innen bei gesundheitlichen Problemen, bei der Suche nach eigenem Wohnraum und einer Beschäftigung. Sie helfen ihnen auch, den Alltag zu strukturieren und die Freizeit zu gestalten. Gemeinsam versuchen sie, neue Perspektiven zu entwickeln und die Lebensqualität zu erhöhen.

Holger Grube (Name geändert) ist 59 und lebt in einer Verfügungswohnung der Stadt. Die Unterstützung der Diakonie Erlangen gibt ihm Mut und Perspektiven.

Holger Grube (Name geändert) ist einer der Klienten*innen des Projektes. Sein Zuhause schön zu haben, ist dem 59-Jährigen wichtig, auch wenn es nur vorübergehend ist. Gerne möchte er die Wände neu streichen, aber aus gesundheitlichen Gründen wäre eine Spezialfarbe nötig – und die ist teuer. In seinem Allergieausweis findet sich eine lange Liste an Stoffen, auf die sein Körper stark reagiert. »Wegen der Kontaktallergie kann ich zum Beispiel auf meinem PVC-Boden nicht barfuß gehen«, erklärt er. Die Krankheit erschwert nicht nur den Alltag, sondern hat auch dazu beigetragen, dass Grube keine Arbeit mehr gefunden hat.

Gerne hätte der gebürtige Erlanger nach der Schule eine Lehre gemacht. Sein Stiefvater, ein Trinker, habe es ihm verboten, erinnert sich Grube. Mit Unterstützung des Jugendamtes zog er damals aus, in eine eigene Wohnung, und begann zu arbeiten. »Fünf Jahre lag meine Frau im Koma« erzählt er. Schon zuvor hatte er seinen Job aufgegeben, um sie zu pflegen – so war es vereinbart. Nach ihrem Tod habe er den Überblick verloren. Die Trauer im Alkohol ertränkt. Dazu kamen Schulden, die sich über die Jahre aufgestaut hatten. Eine Situation, in der er nicht mehr zurechtkam. Bei der Stadt vermittelte man ihm einen Platz in einem Männerwohnheim. Die Sozialpädagogen*innen hätten ihm damals sehr geholfen, auch mit Gesprächen – obwohl das Sozialamt enorm ausgelastet ist.

Sozialpädagogin Babette Brokmeier (r.) begleitet ihren Klienten seit über einem halben Jahr. Sie bringt Zeit mit, um zuzuhören und Bedarfe festzustellen.

Babette Brokmeier arbeitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Marianne Warnke in dem Projekt der Diakonie. »Unsere Arbeit ist auch eine Entlastung für die Ämter«, erklärt die Sozialpädagogin. Denn sie bringt mehr Zeit mit, um Dinge in Ruhe zu besprechen. »Lebensqualität darf keine Altersgrenze haben«, sagt sie ganz klar. Seit Oktober letzten Jahres kommt Brokmeier ein- bis zweimal die Woche bei Grube zu Besuch. Gemeinsam schauen sie z. B. die Post durch, bearbeiten und ordnen Unterlagen. Vor einer Weile wurde bei dem 59-Jährigen eine Herzkrankheit festgestellt. Auch bei den Ärzten*innen unterstützt ihn Babette Brokmeier. »Sie begleitet mich«, erklärt er, »darüber bin ich sehr froh«.

Große Sprünge kann Grube nicht machen, dafür reichen Sozialhilfe und Witwerrente nicht aus. »Man muss genau schauen, was man kauft«, sagt er, »es ist schon auch ein Kampf«. Er lebe von einem Tag auf den anderen. Die Hoffnung, mithilfe der Diakonie irgendwann wieder in eine eigene Mietwohnung zu ziehen, ist aber noch nicht verloren. Noch bis November ist die Unterstützung von Babette Brokmeier bewilligt.

 Zum Projekt für ältere Menschen in Wohnungsnot

 


EINE WELLE DER SOLIDARITÄT Tabea Bozada

Eine Frau und ein Mann stehen auf einer Wiese vor einem großen Haus und schauen in die Kamera.

Stephanie Öttl (l.) und Jochen Nußbaum (r.) kümmern sich in der Diakonie Erlangen um Spenden.

 

Kontakt
Jochen Nußbaum
T. (09131) 63 01 – 116
jochen.nussbaum@diakonie-erlangen.de

Stephanie Öttl
T. (09131) 63 01 – 136
stephanie.oettl@diakonie-erlangen.de 

Lieber Herr Nußbaum, wie blicken Sie auf dieses letzte Jahr zurück?
Jochen Nußbaum Dankbar und überwältigt! Wir haben mit jeder Coronawelle auch eine Welle der Hilfsbereitschaft erfahren. Wahnsinnig viele Sach- und Lebensmittelspenden und ebenso bei den Geldspenden für unsere Arbeit – die haben alle Rekorde gebrochen: 25 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr.

Lassen Sie es uns noch konkreter machen: Gibt es vielleicht ein exemplarisches Spendenereignis, das sie herausgreifen können, weil es dieses ohne Corona wohl nicht gegeben hätte?
Jochen Nußbaum Da denke ich zum Beispiel an die von Spendern*innen finanzierten Gastronomie-Gutscheine für Tafel-Kunden*innen. Dies half nicht nur den von uns versorgten Menschen, sondern auch den unter den Lockdowns leidenden Restaurants. Oder an die Spende vom Leo-Club Erlangen, der Jugendorganisation von Lions Clubs. Unter anderem deren Unterstützung ermöglichte es z. B. unserer Bahnhofsmission, Thermobecher für ihre Besucher*innen anzuschaffen. Dadurch konnten die Mitarbeitenden die Menschen draußen mit warmen Getränken versorgen, denn der Innenraum war ja geschlossen. Ein ganz anderes Beispiel: Etliche Unternehmen und auch das Malteser Waldkrankenhaus haben gesagt: Wir können dieses Jahr keine Weihnachtsfeier machen. Was können wir stattdessen mit dem Geld Gutes tun?

Was treibt die Menschen an, in der Krise ihr Herz und ihren Geldbeutel aufzumachen, anstatt die eigenen Mittel zusammenzuhalten in unsicheren Zeiten?
Jochen Nußbaum Ich hatte den Eindruck, dass dieses Virus und seine schlimmen Folgen jedem von uns sehr nah gekommen sind. Dieses Gefühl, dass es jeden treffen könnte, das hat viel bei den Leuten ausgelöst. Und dann entstand auch ein ganz klares Bewusstsein dafür, wie gut es vielen geht, welche Sicherheiten sie haben im Vergleich zu anderen. Welches Glück mit Familie und Beruf. Das plötzlich auch wahrzunehmen. Dazu kam die sehr sichtbare Not anderer: »Bleiben Sie zuhause!« – dieser einfache Satz, verbunden mit den Bildern obdachloser Menschen, die nirgendwo unterkommen. Das hat die Leute aufgewühlt und mobilisiert: Sie wollten die soziale Kluft überbrücken.

Was kann die Diakonie Erlangen mit diesem Mehr von Hilfe erreichen?
Jochen Nußbaum Wir sind in der Lage, unsere Hilfen für die Menschen aufrechtzuerhalten, die sie dringend brauchen – zum Teil sogar auszubauen. Keiner weiß ja, wie es weitergeht. Dass nach der Krise gespart wird – auch an manchen sozialen Belangen – ist zu befürchten. Andererseits: Allein im letzten Jahr hat sich auch richtig viel bewegt. Bestes Beispiel: Die Tafel hatte einen tollen Zulauf von neuen Ehrenamtlichen – vor allem Schüler*innen und Studenten*innen. Damit konnten die selbst zu den Risikogruppen zählenden Stammkräfte entlastet und geschützt werden. Dazu kommt der Ausbau des Tafelmobil-Dienstes. Durch die Corona-Krise war und ist es füreinige Tafelkunden*innen mit Vorerkrankungen nicht mehr möglich, persönlich zur Ausgabe zu kommen. Zudem steigt die Zahl der Senioren*innen und somit auch die Zahl der Kunden*innen, die immobil sind. Die Tafel hat ihren Lieferservice um ca. 30 Prozent ausgebaut. Möglich wurde das auch durch ein drittes Fahrzeug, unser neues E-Lastenrad. Ohne Spenden ist das alles nicht denkbar.

Was hat sich in Ihrem Team nach diesen letzten Monaten verändert?
Jochen Nußbaum Wir hatten so viele Anfragen von Menschen, die helfen wollen – nicht nur im letzten Jahr: Völlig zu Recht wollen sie genau wissen, was mit ihrer finanziellen Unterstützung passiert und was sie bewirkt. Das gilt genauso für Menschen, die über ihr Erbe nachdenken. Und darauf haben wir reagiert: Seit Juni haben wir eine neue Kollegin im jetzt vierköpfigen Spendenteam, Stephanie Öttl, die sich künftig um Benefizaktionen und die vielen Firmen und Spender*innen kümmert, die unsere Arbeit regelmäßig oder mit kleineren, anlassbezogenen Aktionen unterstützen. Ich wiederum werde verstärkt Menschen beraten, die z. B. mit ihrem Vermächtnis oder einem größeren Teil ihres Vermögens langfristig Gutes tun wollen. Ziel ist es, künftig noch besser sicherzustellen, dass sie sich in ihrem Engagement wirklich gut beraten und richtig verortet fühlen.

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DIAKONIE UND »ASSISTIERTER SUIZID« – EIN GESPRÄCH ÜBER WERTE UND WEGE Tabea Bozada, Anna Thiel

Im Interview mit Pfarrer Matthias Ewelt, Vorstand von Diakonie Erlangen und Stadtmission Nürnberg, und der Leitung des Erlanger Hospizes am Ohmplatz Alexander Kulla wird klar, dass es um viel mehr geht als die Frage, wer einem sterbenskranken Menschen das tödliche Medikament übergibt. Denn der freie Zugang zu Sterbehilfe würde für alle gelten – auch Junge und Gesunde.

Ist die Selbstbestimmung eines Menschen tatsächlich sein höchstes Gut? Wie können wir verantwortungsvoll mit dem Sterbewillen eines jeden umgehen, wenn wir doch wissen, dass dieser immer auch Momentaufnahme und abhängig von vielen äußeren Umständen ist? Der Theologe Matthias Ewelt und der Krankenpfleger Alexander Kulla haben dazu sehr persönliche, mitunter auseinandergehende Haltungen – beide gehören zur Diakonie.

ALEXANDER KULLA

ist Krankenpfleger und Leitung des Hospizes am Ohmplatz in Erlangen. Er begrüßt, dass das kategorische Nein zur Sterbeassistenz vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde. Gleichzeitig sagt er: Um Menschen ein gutes, würdevolles Sterben nach ihren Wünschen zu ermöglichen, brauche es vor allem mehr Zeit und Personal in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen.

MATTHIAS EWELT

ist Pfarrer und Vorstand der Stadtmission Nürnberg und Diakonie Erlangen. Aktive Sterbehilfe könne es in den Häusern der Diakonie nicht als reguläres Angebot geben. Wohl aber ein Ermöglichen oder das Zulassen durch Dritte, meint er.

Vollständiges Interview

Das Thema interessiert Sie? Das gesamte 90-minütige Interview finden Sie auf unserem YouTube-Kanal:

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Das Urteil des Verfassungsgerichtes haben viele als Dammbruch verstanden. Können Sie uns nochmal kurz erklären, was wohl künftig, nach gesetzlicher Neuregelung, in Deutschland möglich sein wird und was nicht?
Kulla Ich glaube nicht, dass es diesen Dammbruch geben wird. Dass die Zahlen der assistierten Suizide also nicht massiv in die Höhe steigen werden. Für viele ist es einfach eine Option, die sie haben und in Anspruch nehmen könnten. Wenn dann eine gesetzliche Regelung da ist, wird ein assistierter Suizid wohl unter ganz engen Voraussetzungen möglich sein, die noch geregelt werden müssen. Was es definitiv nicht geben wird ist die Todesspritze, also das Töten auf Verlangen. Also dass jemand jemandem eine Spritze verabreicht, ohne dass dieser selbst die Tatherrschaft hat. Das kann man aber auch kritisch betrachten, wenn man z. B. an Menschen denkt, die gelähmt sind und eine Tablette nicht mehr selbst schlucken können.

Wo hört denn die Assistenz zum Suizid auf und wo genau beginnt Tötung?
Kulla Die Assistenz kann damit anfangen, dass beraten wird, dass ein Medikament besorgt wird oder ein Rezept ausgestellt wird. Oder dass das Medikament soweit vorbereitet wird, dass es derjenige nur noch nehmen muss.

Besteht die Aussicht, dass Hausärzte oder jemand in der Familie, künftig beim Suizid helfen?
Kulla Das ist wohl auch das, was jetzt schon passiert. Bei den assistierten Suiziden im Verborgenen. Und wenn das dann offen und transparent stattfindet, dann ist das denke ich der beste Weg. Ich muss aber auch immer dazu sagen, es ist wichtig, dass keiner der Ärzte dazu gezwungen werden kann, so eine Suizidhilfe vorzunehmen.
Ewelt Was ich wichtig finde, neben dem ganzen Medizinischen, ist die Frage der Begleitung. Dass die Beratung von der tatsächlichen Durchführung getrennt ist, damit man da nicht in einen Automatismus reinkommt oder in eine Selbstverpflichtung: Ich muss jetzt auch. Sondern, dass man das entkoppelt. Und diese Brücke würde mir auch helfen, wenn wir Verantwortung als diakonischer Träger haben: Wir werden nie die sein, die die Medikamente dafür im Vorratsschrank haben und dann verteilen. Aber wir werden auch Patienten oder Bewohner, wenn sie bei uns sind, nicht bitten woanders hinzugehen, wenn sie diese Entscheidung für sich treffen.

Was hat das Urteil des Verfassungsgerichtes in Ihnen ganz persönlich ausgelöst?
Ewelt Ich sehe den Dammbruch in der Grundsatzentscheidung, dass wir in das Thema der Selbstbestimmung reingehen, als ob wir Menschen jeweils nur alleine unterwegs sind. Es wird immer mehr auf individuelle Entscheidungsfreiheit gesetzt. Dass so getan wird, als sei jeder jederzeit Herr seiner Lage. Wir hatten nie das Recht zu entscheiden, ob wir geboren werden und als glaubender Mensch sage ich, ich kann nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass ich das Recht habe, mein Leben einfach jederzeit zu beenden, weil es ein Geschenk ist, mit dem ich umgehe.

Das heißt, Sie sehen das Credo und Plädoyer zur Selbstbestimmung eher kritisch, um das hier auch gestritten wird?
Ewelt Es ist nicht so, dass ein Leben beendet wird und damit ist alles gut, sondern dass wir sozial das Ganze angucken müssen: Es ist letztlich nur ein Tausch - einer beendet seine Krise und schafft eine neue Krise für andere. Deswegen ist es zu wenig, nur auf das Individuum zu gucken.
Kulla Natürlich ist es so, dass wir in einem sozialen Umfeld leben, Familie und Freunde haben. Ich stelle fest, dass immer mehr Leute alleine sind, die keine Angehörigen haben, die isoliert sind und das wird leider zunehmend ein Problem. Von daher lass ich das Argument der Hinterbliebenen nicht immer gelten.

Sie sehen es also auch als Teil der Verantwortung eines Menschen, der sein Leben beenden möchte, Verantwortung für sein Umfeld zu tragen, dass er hinterlässt und welches Leid und welche Tragödie er auslöst?
Ewelt Wenn wir soziale Menschen sind, müssen wir auch einsehen, dass all unser Tun Folgen für andere hat. Das ist grundsätzlich im Menschsein drin, als soziales Wesen habe ich immer die Pflicht, darüber nachzudenken, was mein Handeln bei anderen auslöst.
Kulla Das macht das Sterben insgesamt wirklich schwierig. Wir haben immer im Kopf, wie geht es unseren Angehörigen, unseren Freunden, unserem Arbeitgeber. Was passiert, wenn ich als Hauptverdiener ausfalle? Wie kommen die über die Runden? Menschen im Hospiz tun sich sehr schwer zu gehen, wenn noch offene Baustellen sind.

Was sind Ihrer Erfahrung nach aus der Seelsorge und dem Hospiz Beweggründe, die dazu führen, dass jemand nicht mehr leben möchte?
Ewelt Grundsätzliche Lebensängste, z. B., wenn man den Arbeitsplatz verloren hat, gerade bei Männern. Es sind ja überwiegend Männer, die sich suizidieren, die dann nicht mehr für die Familie sorgen können. Allerdings ist ja auch ein ganz großer Anteil bei denen, die vermeintlich Gründe haben für einen Selbstmord, in psychischen Erkrankungen, also Depressionen zu suchen. Und das macht es auch so schwierig, bei der Frage ob, es eine abgeklärte Entscheidung ist, weil diese natürlich überlagert wird. Die Vorstellung also, dass jemand ganz bei sich, ganz gesund, ganz klar und reflektiert eine Entscheidung über den eigenen Tod trifft, und sagt: Ich möchte euch das alles mitteilen, lasst uns gemeinsam einen guten Weg finden. Das ist eine rein theoretische Vorstellung, wie wir es gerne hätten. Die funktioniert in der Realität sehr selten. Auch der Tod im Hospiz ist ein Sonderfall.
Kulla Häufig sind es schwere Erkrankungen und der unsichere Verlauf, wie es weitergeht. Die Unkenntnis darüber, wie Sterben funktioniert. Angst vor der Ungewissheit, Angst vor Schmerzen, Angst vor Symptomen, Atemnot, Angst vor der Pflegebedürftigkeit, das Ausgeliefertsein. Das ist es, was bei vielen für Panik sorgt und in einem Suizidwunsch mündet. Es gibt keine legitimen und illegitimen Gründe. Es gibt nur individuelle Empfindungen dazu.
Ewelt Ich würde sogar davor warnen, diese zu bewerten. Denn in dem Moment, wo wir bewerten, was legitim ist als Sterbegrund, zum Beispiel eine kommende Demenz. In dem Moment entsteht ein Druck auf alle, die diese Diagnose kriegen.

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts kann jeder – nicht nur ein Todkranker – die Unterstützung von Sterbehilfevereinen in Anspruch nehmen. Welche Voraussetzungen sehen Sie als unumgänglich, bevor einem Menschen tatsächlich bei der Beendigung seines Lebens geholfen werden darf?
Ewelt Es muss immer unter der Überschrift »Ultima Ratio« laufen. Und es muss herausgearbeitet werden, dass dieser Mensch zu dieser Entscheidung aus nachvollziehbaren Gründen gekommen ist. Dass das nicht z. B. durch eine Depression oder so überlagert ist, die man medikamentös behandeln kann. Dann sind bisher auch Kinder nicht ausgenommen. Das heißt Eltern könnten entscheiden, ob ein Kind sich das Leben nimmt – das halte ich für enorm schwierig.
Kulla Für mich ist wichtig, dass für die Gespräche mit demjenigen, der sich töten möchte, ganz viel Zeit da ist. Und dass neutral beraten wird über die Optionen, und zwar über alle. Es reicht, wenn jemand klar bei Verstand ist, wenn man ihm die Optionen ausführlich aufzeigt. Wir dürfen ihn auch nicht in eine Richtung drängen, damit er von seinem Anliegen Abstand nimmt.

Können Sie sich vorstellen, Sterbehilfe auch in den Einrichtungen der Diakonie Erlangen und Stadtmission Nürnberg zuzulassen?
Ewelt Zu glauben, dass es Mitwirkung bzw. Unterstützung beim Sterben nicht auch bisher schon gegeben hätte, wäre eine Illusion. Auch bisher haben Ärzte z. B. entschieden, dieses Medikament geben wir nicht mehr, hier machen wir das Sterben möglich. Oder zu sagen, es wird nicht weiter künstlich ernährt usw. Die Grenze wird da aus meiner Sicht jetzt ein Stück weit verschoben. Ich könnte mir konkret vorstellen, dass es in unseren Häusern erlaubt ist und jemand von außen dazu kommt, wir es aber nicht selbst anbieten.

Müsste es in Pflegeheimen eine bestimmte Ansprechperson geben, die ein offenes Ohr für Sterbewünsche hat?
Ewelt Es ist wahrscheinlich tatsächlich so, sobald ein Vertrauensverhältnis mit unseren Pflegekräften da ist, sind diese Ansprechpartner und angefragt, das wird immer passieren. Ob man das dann instutionalisiert, ähnlich wie es einen Sozialdienst gibt, das muss man sehen, ob das professionell notwendig ist. Das Sterben frühzeitig durch Dritte zu ermöglichen ist das eine. Haben wir andererseits überhaupt schon alles erreicht, damit jeder Mensch garantiert gut, d. h. natürlich ohne Angst sterben kann?
Kulla Einer meiner größten Kritikpunkte ist, dass wir noch viel zu weit auseinanderliegen mit Palliativmedizin auf der einen Seite und universitäre Medizin auf der anderen Seite. Es ist ganz wichtig, dass die Palliativmedizin viel früher in diese Behandlungsprozesse mit reinkommt, quasi schon ab Diagnosestellung mit im Boot sitzt und Alternativen aufzeigt. Und dann sehe ich tatsächlich auch einen großen Mangel in der Pflege, was Personalausstattung angeht. Da sind wir an einem schwierigen Punkt. Um eine gute Sterbebegleitung zu machen, Menschen am Lebensende in Würde zu begleiten. Dafür braucht es vor allem Zeit und personelle Ressourcen.

Was ist eine gute Palliativmedizin und Hospizarbeit im Stande zu leisten?
Ewelt Da würde ich gern aus eigener Erfahrung antworten: Es ist eine Illusion zu glauben, dass man nur mit Medikamenten voll bewusstes, voll schmerzfreies Leben und Sterben hinbekommen kann. Es ist immer relativ. Es kommt dann auch auf meine Resilienz an.
Kulla Alle Maßnahmen zur Linderung von Leid und Symptomen brauchen immer eine Indikation. Eine gezielte Sedierung zum Beispiel, darf man nicht mal so nebenbei machen. Denn das wäre letztendlich nichts Anderes als Tötung auf Verlangen, dann eben auf längere Sicht. Es gibt generell ein breites Spektrum. Ich kann jemanden z. B. nur für einen Tag sedieren, also Schlafen legen und dann wieder aufwachen lassen und schauen, wie es ihm geht. Das kann dazu führen, dass derjenige die nächsten Tage symptom- und angstfrei übersteht. Und es gibt die Sedierungen, die so tief sind, dass derjenige dann in der Sedierung schlussendlich verstirbt. Generell können wir Schmerzen und Symptome wie Atemnot usw. auf ein erträgliches Niveau bringen. Es ist aber immer ein Abwägen der Wirkungen und Nebenwirkungen.

Gibt es eine besondere Rolle der Diakonie in der Sterbedebatte?
Ewelt In dem Moment, wo Menschen den Eindruck kriegen, es ist im Prinzip egal, ob Leben oder Tod, ich kann also jeden Tag entscheiden, ob ich leben oder sterben möchte, wird es schief. Da ist unser Auftrag als Kirche und Diakonie: Nein, wir sprechen für das Leben. Wir wollen Hilfe zum Leben geben, nicht zum Sterben.

Selbstbestimmung – das ist ja das wesentliche Argument, das für ein Zulassen der Hilfe zur Selbsttötung spricht. Ist wirkliche Selbstbestimmung nicht von viel mehr Rahmenbedingungen abhängig?
Ewelt Philosophisch und theologisch betrachtet ist Selbstbestimmung eine Illusion. Das ist eine Erscheinung der Industriegesellschaft und der Moderne. Alles wird durch Rahmenbedingungen, wo ich lebe, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich usw. bestimmt. Fremdbestimmung ist die Normalität. Selbstbestimmung ist die Freiheit nein sagen zu können, in einem bestimmen Rahmen, in dem ich mich bewege.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft in dem der Mensch nur etwas wert scheint, wenn er etwas beiträgt. Vielen Menschen geht’s ja schon bei Kleinigkeiten so: Sie wollen niemandem zur Last fallen, egal, ob‘s um Geld oder um Zeit geht. Sie wollen kein Jammerlappen oder auf jemanden angewiesen sein. Wie müssen wir das berücksichtigen?
Ewelt In dem Moment, wo Menschen nicht in Armut fallen müssen, weil sie zumindest Job und einkommenstechnisch nichts mehr beitragen können, krank sind usw. In dem Moment, wo sie da abgesichert sind, entstehen diese Dilemmata nicht. Und das moralisch-ethische Thema, das Sie da ansprechen, da ist das offene Gespräch entscheidend. Immer da, wo Dinge nicht angesprochen sind und unausgesprochene Erwartungen bestehen, wird es problematisch. Da bemühen wir uns in der Seelsorge und in Beratungsstellen darum.

Besonders Demenz ist ja diskussionsbedürftig, was die Selbstbestimmung angeht. Erkrankte müssten Sterbehilfe in Anspruch nehmen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Situation eigentlich noch gut ist, damit man von einer selbstbestimmten Entscheidung sprechen kann. Was denken Sie dazu?
Kulla Da sollte die Debatte eine andere sein. Nämlich den Signalen eines dementen Menschen, Achtsamkeit und Respekt zu schenken. Wenn sie z. B. nicht mehr den Mund aufmachen, um zu essen, dann sind das auch Willensbekundungen, die z. B. in Richtung Sterben verweisen. Das ist denke ich der richtige Weg, sensibel mit dem Sterben und Willen dementer Menschen umzugehen.

[…]

Dies war ein Auszug aus dem vollständigen Interview auf YouTube

 

Kontakt

Anna Thiel. Eine Frau mit langen blonden Haaren.

Anna Thiel Pressesprecherin, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Raumerstraße 9
91054 Erlangen

(0911) 35 05 – 129

anna.thiel@diakonie-erlangen.de

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